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Stell dich nicht so an!

 

Lieber Hundefreund,

heute ist eigentlich ein wundervoller Tag. Mit den Hunden gab es einen ausgiebigen Spaziergang und danach sind wir in die Kletterhalle gefahren. Wir klettern seit nicht ganz einem Jahr. Zum Klettern bin ich wie die Jungfrau Maria zum Kind gekommen - mit Höhenangst. Ich leide wirklich unter starker Höhenangst - das Gefühl, zu fallen und dann zu sterben oder gelähmt zu sein, lässt meinen Puls in die Höhe schnellen, die Hände nass werden, die Tränen laufen, die Stimme laut werden... ob ich das möchte oder nicht interessiert meinen Körper dabei herzlich wenig.

Meinem Lebensgefährten zu liebe und weil ich an meinen Schwächen arbeiten möchte, haben wir damals an einem Einsteigerkurs teilgenommen. Kurs trifft es aber nicht so ganz. Wir haben die 2 wichtigsten Knoten zum Sichern kennengelernt und jede Menge Horrorstorys zu vermeintlichen Unfällen gehört. Danach durften wir die Halle benutzen. Genug Futter für meine Angst.

Warum auch immer, ich habe Gefallen am Klettern gefunden. Zu Beginn habe ich nur ein bis zwei Meter geschafft - körperlich und mental. Mittlerweile klettere ich an der Wand auch bis ganz hoch und auch den ein oder anderen Überhang schaffe ich mittlerweile sehr gut.

Heute allerdings hat mich wohl der Teufel geritten. Beziehungsweise die Angst. Es war eine neue Route, aber das Ausprobieren von neuen Routen war für mich kein Thema mehr. Ich krakselte also wie immer mutig hoch, bis zum Überhang. Ich merkte, dass ich mich nicht so halten konnte, wie ich es wollte. Also stabilisierte ich mich und überlegte, wie ich da hoch komme. Je länger ich dort stand, desto mehr kamen mir Zweifel, hier richtig zu sein. Wenn ich jetzt los lasse, falle ich. Gerade beim Überhang wird man, wenn man loslässt, Richtung Hallenmitte gezogen, was ich nicht sehr angenehm finde. Der Gedanke an das Schwingen lies mich regelrecht verkrampfen. Verzweifelt brüllte ich, dass ich das nicht schaffe und runter möchte. Mein Lebensgefährte zog das Seil straffer und meinte nur, ich könne loslassen. Das war wohl der Moment, in dem mich der Verstand verließ. "NEIN, ich kann nicht loslassen!" "Ich falle!" Nein, natürlich falle ich nicht, ich schwinge nur. Das war für mich aber keine bessere Alternative. Ich versuchte verzweifelt, die immer müder werdenden Arme zu entlasten, ohne abzurutschen. Die Wade machte sich mit kurzen Krämpfen bemerkbar und die Hände wurden immer rutschiger. Ich vergeudete immer mehr Energie, um mich irgendwie festzuklammern.

"Du kannst was erleben, wenn ich unten bin!" "Ich mach das nie wieder!" "Leck mich am Arsch!" "Ihr seid alle bescheuert" - das waren noch die harmlosen zensiertAuswüchse aus meinem Mund.

Dann liefen die Tränen und ich heulte an der Wand. Ich weiß noch nicht mal, warum. War es die Angst vorm Sterben? Die Angst vor dem ekligen Gefühl in der Magengegend wenn man durch die Halle baumelt? War es das Gefühl, dass plötzlich alle anderen Kletterer unten standen und sich über mich lustig machen würden (was nicht der Fall war!)?

Keine Ahnung. Markus versuchte geduldig zu erklären, dass ich das Sicherungsseil festhalten könne, dass mir nichts passieren würde, dass er mich sichern würde... Aber ich war nicht mehr Herr meiner Gedanken, Gefühle, Emotionen. Lost controll. Out of order - ich plärrte weiter und versuchte, selbst herunterzuklettern. Wie ich dann letztendlich auf den Boden der Tatsachen kam, weiß ich nicht mehr. 

Ich suchte dann jedenfalls das Weite im Garten der Halle und heulte mir die Seele aus dem Leibe. Nun sitze ich hier, meine rechte Körperhälfte ist noch total verkrampft und mir tut einfach alles weh. Auch mental bin ich fix und fertig. Geduld und Nerven habe ich heute keine mehr. Wenn das Auto vor mir zu langsam fährt, flippe ich aus. Ich bin auch einfach hundemüde. Ausgelaugt. 

Smilie

Warum ich dir das schreibe!

 

Ich bin ein Mensch - ich bin Hundetrainer. Ich weiß, wie Angst und Fluchtverhalten sich körperlich äußern. Das Menschsein erleichtert mir die Kommunikation mit meinem Partner. Er kann mir erklären, dass mir nichts passiert und warum mir nichts passiert und was ich machen muss.Ich kann mir einreden, dass ich schon tausendmal hoch und runter geklettert bin und dass ich auch das Schwingen immer wieder überlebt habe.

All das hat mir heute aber nicht geholfen! Ich hatte eine Angstattacke, konnte die gut gemeinten Ratschläge meines Partners nicht ausführen und bin nun für den Rest des Tages zu nichts mehr zu gebrauchen.

Und nun kommen wir zum hundlichen Teil dieses Blog-Beitrags.

Hunde, die Angst haben, leiden. Mental und körperlich. Wir können ihnen nicht erklären, dass ihnen nichts passiert - sie verstehen uns nicht. Und selbst wenn sie unsere Wörter verstehen würden - das angstgesteuerte Gehirn sagt etwas anderes! Wenn wir unsere Hunde durch Situationen zerren, in denen sie sich nicht wohlfühlen, hilft ihnen das keines Falls.Von einem Hund ein sonst simples "Sitz!" zu verlangen, während er Angst hat, ist nicht nur uneffektiv, sondern auch noch unfair! Vor allem, wenn er dann auch noch bestraft wird, wenn er es nicht tut. Gehorsamkeit zu verlangen und sich über das gezeigte, meist unerwünschte Angstverhalten zu ärgern, ist schlicht und ergreifend nicht förderlich für die Beziehung zwischen deinem Hund und dir. "Du musst Souveränität ausstrahlen, sonst hat dein Hund Angst!" - so ein Blödsinn... Markus hatte da unten keine Angst und gab mir ganz cool Tipps und Anleitungen... das wirkte sich nicht auf meine Angstattacke aus. Na gut, wenn er gerufen hätte "Ohje, ich kann dich nicht mehr sichern!" - dann wäre das ganze vielleicht noch mehr ausgeartet. Aber seine Souveränität hat mir in meiner Situation nicht geholfen.

Ich wurde heute einfach daran erinnert, wie scheiße sich Angst anfühlt. Und wie beschissen es sein muss, nicht verstanden zu werden. Wie ängstigend es sein muss, durch Situationen durch zu müssen. Wie hilflos man ist, wenn "man sich nicht so anstellen soll"! 

Wie körperlich zehrend solche Situationen sind und wie müde man danach ist... wie der Körper danach schmerzt...

Wenn dein Hund Angst hat - trainiere mit ihm! Zeige ihm, wie er sich verhalten kann, damit es ihm besser geht - in kleinen Schritten und unabhängig von seinen Angstsituationen. Aber zerre ihn nicht durch diese Situationen durch, es wird dadurch nicht besser! Habe Verständnis für das Verhalten deines Hundes und denke daran, dass Angst enorm anstrengend ist. Genieße die Situationen, in denen dein Hund sich wohlfühlt und suche sie möglichst oft auf. Stärke das Selbstbewusstsein deines Hundes generell, lass ihn Probleme (Futterpuzzles zum Beispiel) lösen, belohne erwünschtes Verhalten und begleite deinen Hund auch im Alltag mit positiver Kommunikation.

Sei für deinen Hund ein Partner - kein Gegner!

Mit Bildern zu diesem Thema kann ich dir heute nicht dienen. Wenn meine Hunde Angst haben, handle ich und fotografiere ich nicht. Und wenn ich Markus beim Bilder Machen statt Sichern erwischen würde... ***zensiert***!

Ich lege jetzt die Beine hoch und erhole ich mich von dieser Erfahrung heute!

 

Herzliche Grüße

Deine Susanne Bretschneider

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